Montag, 9. Juli 2012

EM-Rückschau - nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Nachdem an vorangegangener Stelle der Sieger des diesjährigen EM-Tippspiels in aller Form gewürdigt wurde, ist es an der Zeit, eine Gesamtbewertung zur diesjährigen EM aus Sicht der You'll-Netzer-walk-alone-Kommentatoren vorzunehmen. Da wir in Gedanken natürlich bereits beim nächsten Turnier sind, sogleich noch ein Ausblick auf die EM 2016:


Austragungsort:

Fazit: ging so
Dass mit Polen ein überaus geeigneter und zuverlässiger EM-Gastgeber gefunden worden war, hatte sich bereits in den Vorbereitungen zur EM abgezeichnet und so gab es auch während der EM keine bösen Überraschungen. 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, ein Turnier im ehemaligen Ostblock - ein schönes Signal, das auch aus unserem EM-Studio ausging! Weniger schön war allerdings das Signal, das von der Auswahl des zweiten Gastgebers ausgesendet wurde: "Scheiß' auf Menschen- und Bürgerrechte - der Fußball(-kommerz) hat Vorrang." Die Lage der Demokratie in der Ukraine wurde bereits in einem vorigen Artikel aufgegriffen, dem ist an dieser Stelle nichts mehr hinzuzufügen.

Ausblick: nächstes Mal wird's besser
Wenn Frankreich in vier Jahren nicht vom Euro-Pleitestrudel mitgerissen worden sein sollte und Präsident Hollande das finanzielle Füllhorn weiter ausschüttet, als ob es kein Morgen gäbe, steht uns mutmaßlich eine tolle und ausschweifende EM bevor. Mit der Ausrichtung der Fußball-WM 1998 hat sich Frankreich als guter Gastgeber bewährt. Auch die Gefahr, dass der Gastgeber in der Vorrunde ausscheidet, dürfte bei unserem "Geheimfavoriten der Herzen" nicht allzu groß sein.


Fernsehberichterstattung:

Fazit: desaströs bis unterirdisch
Nach dem Motto: Wenn das Gegenüber auf dem Boden liegt, sollte man nicht noch nachtreten, halten wir uns mit unserer Kritik diesmal zurück. Zum grotesken ZDF-Insel-Irsinn im mecklenburgischen Zonenrandgebiet, Waldis würdelosem Proletenstammtisch und den teils erschreckend unprofessionellen Kommentatoren-Leistungen ist ohnehin alles gesagt.

Ausblick: Es kann nur besser werden!
Und zwar mit Mehmet Scholl und Gerhard Delling, den einzigen Lichtblicken der EM-Berichterstattung. Sehr profund und in seiner klaren Analyse mit Witz und Verstand, obgleich die Fußstapfen, in die Mehmet Scholl tritt, überdimensional groß sind, hat er seine Rolle gefunden. Gut gefallen haben uns auch die Taktik-Analyse-Einspieler bei der ARD. Diese sollten ausgebaut werden.

Positiv beim ZDF hervorzuheben ist die Arbeit der sympathischen Moderatorin Jeannine Michaelsen, die während der Sendung die Aufgabe hatte, die Fußball-Fans mit unnötigem und sinnfreiem Internetkram zu belästigen. Dennoch bleibt Michaelsen dem geneigten (männlichen) Fußballfreund als wahrlich aufmunternde Erscheinung in Erinnerung - vielleicht hält das ZDF bei der nächsten EM zur Abwechslung eine sinnvolle Aufgabe für sie bereit.


Die Leistung unserer Nationalmannschaft:

Fazit: eine starke Leistung, aber an den (selbst gesteckten) hohen Erwartungen gescheitert
Getreu dem Motto: "Dir kann passieren was will, hinterher hat es immer einer kommen sehen", war nach dem Italien-Aus für die üblichen Zeitungskommentatoren die Sache ganz klar. Die Aufstellung war schuld, die Leitwölfe fehlten und überhaupt war es mit dem Kampfgeist nicht weit her. Das Team von "You'll netzer walk alone" hat zum Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft an dieser Stelle bereits klar Stellung bezogen. Nichtsdestotrotz soll die Enttäuschung über das Halbfinalaus der deutschen Mannschaft hier nicht verschleiert werden. Es ist nun an der Zeit, das schmerzliche Ausscheiden gegen Italien wie auch weitere offensichtliche Schwächen unserer Mannschaft (Stichwort: Effektivität bei Standardsituationen oder fehlende Führungspersönlichkeiten) konsequent aufzuarbeiten und für die Zukunft abzustellen.

Ausblick: mit dieser jungen und starken Mannschaft stehen goldene Zeiten und viele große Titel bevor!
Also im Grunde wie nach der WM 2006, der EM 2008 und der WM 2010.


Sympathischstes Team: 

Eindeutig: Irland
Trotz fehlender spielerischer Klasse in einer dazu schwierigen Gruppe hat sich dieses Team in die Herzen der europäischen Fußballfreunde gespielt. Mit seinem beherzten Auftreten und einer Fangemeinde, die auch im Zeichen einer krachenden 4:0-Niederlage gegen Spanien und dem damit besiegelten EM-Aus ihre Mannschaft mit endlosen Gesängen feierte. Den interessantesten und amüsantesten Trainer hatte Irland sowieso: Bayern-Legende Giovanni Trappatoni. Großartig!


Unsympathischste Erscheinung des Turniers:

Dieser Ronaldo! 
Was haben wir uns nur über seine grässliche Gockelhaftigkeit, sein arrogantes Auftreten und sein stets makelloses Make-up geärgert - der Mann hat am Ende seine gerechte Strafe erhalten. Und zwar im Elfmeterschießen gegen Spanien, weshalb er beim für Portugal entscheidenden vierten Elfmeter nicht antrat, obgleich er doch als einer der besten Elfmeterschützen gilt, wird sich uns wohl nie erschließen.


Die EM-Maskottchen:

Fazit: Die Fußstapfen waren wieder einmal viel zu groß!
Die diesjährige EM hat es wieder überdeutlich gezeigt, die WM-2006-Maskottchen Goleo und Pille haben den Maßstab in Sachen Sympathie, Feierlaune, Liebenswürdigkeit und Anmut so hoch gelegt, dass nachfolgende Maskottchen zwangsläufig scheitern müssen. So erging es auch den offiziellen Maskottchen der diesjährigen EM, den polnisch-ukrainischen Saufkumpanen Slavek und Slavko, welche mit ihrer Aufgabe zu jeder Zeit heillos überfordert waren.

Ausblick: Goleo und Pille müssen als Maskottchen reaktiviert werden!
Und zwar dauerhaft.


Was bleibt?

Zunächst einige alte Gewissheiten:
Spanien bleibt alter und neuer Europameister und auch spielerisch das Maß aller Dinge. Die englische Nationalmannschaft kann weiterhin keine Elfmeterschießen gewinnen und ist damit noch immer kein ernst zu nehmender Anwärter auf einen internationalen Titel. Italien ist für unsere deutsche Mannschaft turniertechnisch noch immer eine Nummer zu groß und Gianluigi Buffon steht immer noch im Tor. Schweden sollte man nach wie vor titeltechnisch nicht auf der Rechnung haben.

Aber es gab auch einige neue Erfahrungen:
England hat trotz des Ausscheidens im Elfmeterschießen mittlerweile tatsächlich einen guten Torwart. Aus haarsträubenden Schiedsrichter-Fehlentscheidungen werden für die Zukunft Konsequenzen gezogen. Erstmals trafen in einem EM-Finale die beiden letzten Weltmeister aufeinander - deutet sich hier etwa eine dauerhafte weltweite Dominanz des europäischen Fußballs an?

Aber auch dies:
Für die Meisten ist es im Verborgenen geblieben - Deutschland ist unbemerkt mit einem großen Sprung auf Platz 2 der FIFA-Weltrangliste gerückt. Was für ein großer Erfolg!

In langer Erinnerung bleiben wird auch die Linkin-Park-Fußball-Hymne "Breaking it down" - Gänsehaut vor und nach jedem Spiel!

Aber nun freuen wir uns auf die nächsten Begegnungen mit den Fußballsympathieträgerländern Schweden und Irland, unserem fußballtechnisch liebstem Nachbarland Österreich und natürlich der kleinen Fußball-Großmacht Faröer Inseln - zur Qualifikationsrunde für die WM 2014. Am 7. September dieses Jahres ist es wieder soweit.

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