Bevor wir an dieser Stelle in Kürze das finale Tippspielergebnis verkünden werden, möchten wir noch einmal die Chance nutzen, in den Nostalgiezug ohne Bremsen zu steigen und zurückzublicken. Denn es ist nun genau 20 Jahre her, dass wir zum ersten Mal unser kleines Tippspiel ausgerichtet und eine glückliche Person mit einer mit menschlichem Verstand nicht zu fassenden Menge Bier beschenkt haben.
Die Idee entstand damals, weil im frisch wiedervereinigten Deutschland das Getränk der Stunde die Sektflöte war und die bodenständigen Bierbrauer in immer größere Probleme gerieten. Also haben wir damals in der Wirtschafts-AG des Humboldt-Gymnasiums einen Plan ausgearbeitet, um die gesamtdeutsche Bierkultur zu retten und gleichzeitig einer damals noch sehr randständigen Sportart, organisiert von ein paar ehrenamtlichen Idealisten bei der FIFA, zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Und so wurde das Tippspiel aus der Taufe gehoben und eine große Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf!
Wir haben damals natürlich noch in keinster Weise geahnt, was für ein großes Event aus unserer kleinen Idee einmal erwachsen würde. Voller Nervosität saßen wir vor unserem Telefax und haben gewartet, dass endlich der erste Tipp eintrifft. Als es dann soweit war, war die Freude riesig, aber zum ersten Mal spürten wir auch die Verantwortung, die mit unserer Rolle einherging. Wir waren junge Menschen voller Träume, aber mit leerem Sparbuch, die auf einmal in einer Garçonnière voller schmackhaften Brauguts saßen, das wir treuhänderisch zu verwahren hatten. Die Verlockung war groß, wenn Hunger und Durst mal wieder viel größer waren, einfach zuzugreifen, doch wir blieben standhaft!
Jeden Morgen lauerten wir vor den Frühstückscafés der Oberschicht darauf, dass jemand seine druckfrische Tageszeitung ausgelesen hatte, damit wir endlich an die Fußballergebnisse der vergangenen Nacht kommen konnten, um sie in unseren Blog einzutragen, der damals nur ein Papierblock war. Mit jeder aktuellen Spieltagszwischenwertung, die wir an die Pforte des Flower Power nagelten, wurde die Aufmerksamkeit der Einheimischen größer, und alle fragten sich, wer dieser Alf de Bolo ist, der da mit Frau Wetterfrosch um die Führung kämpft. Man möge beachten, dass damals der Gewinner die gesamten Einsätze bekam und die Trostpreise auch noch nicht da waren, um die Tränen der Enttäuschung zu trocknen. Der Abgrund war also tief, in den man fiel, wenn man das Unentschieden zwischen Siam und Ceylon nicht richtig vorhergesagt hatte.
Und wir fielen. Nachdem wir uns ein paar Wochen wie die alten Bierbarone in ihrer Sternburg gefühlt hatten, kam der Tag, an dem das Finale gespielt, der Gewinner des Tippspiels ermittelt und wir unseres Schatzes beraubt wurden. Der Traum war zu Ende und uns blieb wieder nur das handwarme Glas Leninschweiß und der feste Vorsatz, weiterzumachen.
Nachdem einige Zeit vergangen war, zeigten sich die ersten Früchte unserer Arbeit. So stehen die Gründung einer gesamtdeutschen Bundesliga und die Erfindung des Craft-Bieres in direkter Verbindung zu diesem ersten Tippspiel und wären ohne dieses wohl nie zustande gekommen. Wir hatten die Welt zu einem besseren Ort gemacht, und andere wurden damit nun reich und berühmt.
Ich gebe zu, dass wir kurz mit unserem Schicksal gehadert haben, doch hielt dies nicht lange an. Denn eines Morgens erreichte uns ein Telegramm von unserem Idol Günter Netzer! Er war bei einem Scouting-Ausflug mit seinem Porsche in die neuen Bundesländer durch Leipzig gekommen. Als er des Abends durch die Stadt zog, fuhr ihm eine Böe des Ostwindes durch die Haare, sodass er sogleich seinen Kamm zückte, um diese wieder zu bändigen. Der Zufall wollte es, dass er in dem Moment gerade vor dem Flower Power stand und in dessen Fenstern nach seinem Spiegelbild suchte. Dabei ist er wohl auf unseren Tippspielaushang gestoßen.
Er schrieb, dass er unsere Leistung gerne würdigen möchte, indem er uns für einen Pokal Modell sitzen würde. Dies war ein Angebot, das wir natürlich nicht ablehnen konnten. Und so machten wir uns auf den Weg nach Mönchengladbach, und der Rest ist Geschichte …
Als Mitgründer dieses Tippspiels und zwanzig Jahre später inzwischen gemeinsam mit meinem Sohn am Start habe ich diesen Text unter Tränen gelesen. Nicht wegen der Rührung, sondern weil ich beim Gedanken an die Übergabe unseres ersten Biervermögens noch heute schwer zu kämpfen habe.
AntwortenLöschenDass wir den Schatz damals tatsächlich vollständig an die Siegerin ausgehändigt haben, obwohl die Versuchung mit jeder einzelnen Flasche größer wurde, zeigt, welchen Charakter wir schon in jungen Jahren hatten. Heute würde man uns dafür vermutlich den FIFA-Ethikpreis verleihen.
Ich danke Dir, lieber Konstistar, für zwanzig Jahre unermüdlichen Einsatzes im Dienste des Weltfußballs und der Braukunst. Wir können mit dem beruhigenden Gefühl leben, unseren bescheidenen Beitrag zur Geschichte geleistet zu haben.
Dass wir in all den Jahren den Pokal sogar zweimal selbst in den Himmel strecken durften, erfüllt mich bis heute mit Demut. Schließlich sollte niemand, der Geschichte schreibt, auch noch zu oft von ihr belohnt werden. 🍻